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Otto Rettenmaier – vom Holzmüller-Sohn zum Multiunternehmer und Mäzen

Otto Rettenmaier nebst seiner Büste im Otto Rettenmaier Haus / Haus der Stadtgeschichte, 2012 (Foto: Stadtarchiv Heilbronn/B. Kimmerle)

Otto Rettenmaier (1926–2020) gehört zu den prägenden Unternehmerpersönlichkeiten unserer Region. Sein Lebensweg führte von einer Mühle an der Jagst bis zu einem globalen Schwerlast-Imperium – und zugleich zu beeindruckenden Spuren als Förderer von Kirche, Wissenschaft, sozialen Einrichtungen und Stadtgeschichte. Aus Anlass seines heutigen Geburtstags vor 100 Jahren erinnert dieser Beitrag an wichtige Stationen seines Lebens.

Kindheit, Jugend und erste Schritte als Unternehmer

Geboren wurde Otto Rettenmaier am 28. Juli 1926 in Holzmühle/Rosenberg bei Ellwangen an der Jagst. Die Holzmühle befindet sich seit 1878 im Familiensitz. Vater Josef Rettenmaier (1882–1974) experimentierte mit Streumehl und Holzmehl, baute den Betrieb aus und zog parallel ein kleines Fuhrunternehmen hoch.

Als unmittelbar nach dem Krieg großer Mangel herrschte, kamen Josef Rettenmaier und seine beiden Söhne Otto und Josef (jun.) auf die Idee, aus Bucheckernschalen künstliche Gewürze herzustellen. Die fein gemahlenen Schalen erhielten den Gewürz-Geschmack durch den Zusatz von künstlichen Ölen. Nachdem das Landesprüfamt beim künstlichen Zimt „keinen Unterschied“ zum echten Zimt feststellen konnte, wurden auch andere Gewürze wie Pfeffer und Nelken künstlich hergestellt. Diese Bucheckern-Zimt-Geschichte war mehr als ein Trick in der Not: Die Idee, aus Reststoffen neue Produkte zu schaffen, wurde zu einem frühen Baustein für den späteren Faserstoff-Konzern.

Otto Rettenmaier in den 1950er Jahren (Foto: privat)

Mit 17 Jahren zum Kriegsdienst an der Westfront eingezogen, hatte Otto Rettenmaier nach Kriegsgefangenschaft in Remagen das Abitur nachgeholt und anschließend an der Universität Stuttgart ein Studium begonnen. Von seinem ersten Studienfach Chemie wechselte er bald zur Betriebswirtschaft – dem Fach, das besser zu seinem Talent als Praktiker passte. Theoretisches Wissen war ihm nicht genug. In der Marienstraße in Stuttgart kaufte er ein Grundstück, ließ ein Bürohaus bauen und verkaufte es an die staatliche Forstverwaltung. Dieses frühe Immobilienprojekt bildete den finanziellen Grundstock für eine eigene unternehmerische Laufbahn.

Ein lebensgefährlicher Motorradunfall fesselte den Jungunternehmer für einige Zeit ans Krankenbett. In dieser Zeit entwickelte er gemeinsam mit seinem Bruder Josef die Idee, Faserstoffe für Linoleum und Kunststoffe, die von der Wirtschaft dringend benötigt wurden, aus Holzmehlen herzustellen. Dies war der Grundstein für die Firma JRS – Josef Rettenmaier & Söhne.

JRS – von der Holzmühle zum Weltmarktführer für Naturfaserstoffe

In den frühen 1950er Jahren entwickelten die Brüder ein Verfahren zur Herstellung von Cellulose in feinster Pulverform. Im Rückblick bezeichnete Otto Rettenmaier dies als „den entscheidenden Punkt zur Großentwicklung der Firma“. Anstelle von zehn Tonnen Faserprodukten im Monat lieferte die Firma bald monatlich 10.000 Tonnen aus und stieg zum Weltmarktführer für pflanzliche Faserstoffe auf. Heute werden an über 90 Produktions- und Betriebsstandorten Holz-, Cellulose-, Frucht- und Getreidefasern für unterschiedlichste Branchen hergestellt – von Lebensmitteln und Medikamenten über Kosmetika und Bauchemie bis hin zu Asphalt und Kunststoffen.

Der Firmensitz in der Heilbronner Kalistraße, zugleich Produktionswerk der Faserstoffwerke JRS, im Jahr 2011 (Foto: Stadtarchiv Heilbronn/B. Kimmerle)

Bereits 1949 hatte Otto Rettenmaier begonnen, in Heilbronn mit der ehemaligen Hahnschen Ölmühle eine eigene Holzmehl-Firma aufzubauen. Die Erstausstattung stammte aus aufgekauften Maschinen aus den Deutschen Holzmehlwerken in Mühlacker. Ein Gesellschaftervertrag für die JRS erhob 1951 die Brüder Otto und Josef zu gleichberechtigten Partnern ihres Vaters. Die Heilbronner Kalistraße wurde zum gleichberechtigten Firmenstandort neben der Holzmühle bei Ellwangen. Über den Neckar erhielt die JRS damit auch Anschluss an den wichtigen Transportweg zu Wasser. Heilbronn entwickelte sich zu einem wichtigen Standort eines weltweit agierenden Unternehmens.

Ein Unternehmen ist nicht genug

Doch ein erfolgreiches Unternehmen allein genügte Otto Rettenmaier nicht. In den kommenden Jahrzehnten baute er ein ganzes Netzwerk aus Firmen, Immobilien, Landwirtschaft, Weinbau und Schwerlastlogistik auf.

1959 heiratete er Lore Spieß, die wie er aus einer Müller-Familie kam. Für sie ließ er in Spanien in der Nähe von Málaga eine Ferienvilla bauen. Die Familie mit den bald drei Kindern verbrachte dort viele Sommerurlaube. Parallel erkannte Otto Rettenmaier unternehmerische Chancen in Südspanien, baute einen Wohnpark und zog eine Erdbeerplantage hoch. Beide Investitionen verkaufte er nach einiger Zeit mit Gewinn – „den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg finden“ gehörte zu den Grundregeln seiner Erfolgsstrategie.

In den 1960er Jahren reizte ihn die aufkommende Globalisierung. Er war überzeugt davon, dass der Logistik mit Gütertransporten und Containerschiffen die Zukunft gehörte. Also ließ er ein Schiff bauen, das bis zu 18.000 Tonnen über das Mittelmeer transportieren konnte. Bald kamen drei DC‑8-Flugzeuge hinzu, große Düsenverkehrsmaschinen, die für internationale Frachtflüge genutzt wurden. Doch auch diese Unternehmungen verkaufte er wieder – zum wirtschaftlich richtigen Zeitpunkt.

Nach seinen ersten unternehmerischen Erfolgen in der Baubranche in Stuttgart und Spanien entschied er sich noch weit vor dem Mauerfall zu Investitionen im geteilten Berlin, auch als Reaktion auf aktive Werbung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt. Rettenmaier beteiligte sich mit elf weiteren Anlegern am Bau des Europa-Centers an der Gedächtniskirche und eines Bürohauses am Ernst‑Reuter‑Platz.

Mitte der 1990er Jahre gründete er die RIPEG mbH (Rettenmaier Immobilien Projekt‑Entwicklungs‑Gesellschaft). Vom Sitz ihres Family Office in der Kalistraße in Heilbronn steuerte er weitere große Immobilienprojekte in West- und Ostdeutschland: Büro- und Wohngebäude, teils als langfristige Anlagen, teils als zeitweilige Investments. Mit Windparks trug er früh zur ökologischen Stromerzeugung bei.

In Heilbronn selbst wurde er neben dem Firmenstandort an der Kalistraße vor allem durch zwei Investitionen sichtbar: Die Entwicklung des Weipert-Industriegeländes, das er neben dem Bau zweier OBI‑Baumärkte zum Handelszentrum entwickelte, sowie der OBI-Baumarkt im Schwabenhof.

Zu einem weiteren Geschäftszweig regten ihn seine Leidenschaft für guten Wein und seine guten Kontakte zu Graf Joseph Hubert von Neipperg aus Schwaigern an. 1972 erwarb er das Weingut Château La Tour Figeac bei Saint‑Emilion. Der 14,5 Hektar Rebfläche umfassende Betrieb ist bis heute in Familienbesitz, seit 1994 unter der Leitung seines Sohnes Otto Maximilian Rettenmaier, und produziert Weine der Spitzenqualität Grand Cru Classé.

Nach JRS gelang Otto Rettenmaier ab den späten 1980er Jahren die Entwicklung eines zweiten Unternehmens zum Weltmarktführer, diesmal in der Schwerlasttransport-Branche. Den Grundstein hierfür legte er im Jahr 1988 mit dem Erwerb der Scheuerle Fahrzeugfabrik GmbH in Pfedelbach (bei Öhringen), später kamen weitere Schwerlast-Spezialfirmen in Frankreich und Deutschland hinzu. Aus diesen formte Otto Rettenmaier die „TII Group“ (Transporter Industry International GmbH, seit 1995). Getreu seinem Motto „Chancen nutzen, wenn sie sich bieten – und nie aufhören anzufangen“ entschloss er sich noch im hohen Alter von beinahe 90 Jahren, die „TII Group“ um einen außereuropäischen Standort in Indien, südwestlich von Dehli, zu erweitern.

Die TII-Group wird heute operativ von externen Geschäftsführern geleitet und ist Weltmarkt- und Technologieführer in verschiedenen Fahrzeugbereichen. Tochter Susanne Rettenmaier ist geschäftsführende Gesellschafterin der Konzernholding, weitere Familienmitglieder sind im Aufsichtsgremium vertreten. Mit der TII-Scheuerle SPMT-Baureihe für selbstangetriebene, modulare Schwerlastfahrzeuge auf Rädern werden die weltweit schwersten Lasten millimetergenau transportiert – bis hin zu kompletten, über 20.000 Tonnen schweren Industrieanlagen.

Kultur, Kirche und Bildung – Mäzenatentum und Ehrungen

Als Unternehmer achtete Otto Rettenmaier genauestens darauf, dass sich Investitionen irgendwann auszahlten. Doch ebenso lagen ihm Kultur, Religion, Kunst, Bildung und soziales Engagement am Herzen. Großzügig förderte er verschiedenste Projekte in seiner süddeutschen Heimat, wenn sie ihn inhaltlich überzeugten.

Mehrere Kirchen verdanken ihren Erhalt bzw. ihre Renovierung seinem Mäzenatentum: So lagen ihm als gläubigem Katholik insbesondere das Deutschordensmünster St. Peter und Paul in Heilbronn und die Klosterkirche in Neresheim besonders am Herzen. Die Universität Hohenheim bei Stuttgart förderte er über Jahrzehnte immer wieder und mit verschiedenen Projekten, zuletzt durch die Stiftung eines neuen Hörsaals für bis zu 600 Studierende. Nachdem er der Universität bereits seit 1984 als Ehrensenator verbunden und 2014 mit ihrer goldenen Universitätsmedaille ausgezeichnet worden war, trägt dieses Audimax seit der Einweihung 2015 seinen Namen. An der Hochschule Heilbronn konnte 2017 durch seine Stiftung ein Forschungslabor für „Industrie 4.0“, u.a. für Robotik und autonomes Fahren, realisiert werden, das ebenfalls seinen Namen erhielt.

Das Haus der Stadtgeschichte – Otto Rettenmaier Haus 2017 (Foto: Stadtarchiv Heilbronn/S. Böhlecke)

Die Stadt Heilbronn verdankt Otto Rettenmaier das 2011/12 umfassend modernisierte „Haus der Stadtgeschichte“, das seither seinen Namen trägt. Auf rund 500 m² Fläche regt eine vom Stadtarchiv konzipierte und betreute Ausstellung zum Staunen, Nachdenken und Begeistern über die Heilbronner Vergangenheit an. Vor dem Gebäude (zunächst in der Eichgasse, seit 2025 im Großen Deutschhof) macht eine „Stauferstele“ auf grundlegende Bezüge der Stadtgeschichte zu diesem bedeutenden mittelalterlichen Herrschergeschlecht aufmerksam. Die Stauferstele erhielt Otto Rettenmaier von seinen Kindern zum 85. Geburtstag als Geschenk und übergab sie kurz vor seinem Tod am 23. Juli 2020 der Stadt Heilbronn.

Feierliche Einweihung der Stauferstele mit Laudatio von EU-Kommisar Günther Oettinger, 2014 (Foto: Stadtarchiv Heilbronn/B. Kimmerle)

Für seine herausragenden Verdienste als Unternehmer sowie als Förderer kultureller und sozialer Projekte erhielt Otto Rettenmaier unter anderem das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse sowie die Bürgermedaille in Gold der Gemeinde Pfedelbach. In Pfedelbach ist seit 2014 eine Straße nach ihm benannt.

Zum Weiterlesen

Zur Biografie von Otto Rettenmaier informiert ein Beitrag von Wolfgang Bok in der Publikation „Heilbronner Köpfe“ Band IX des Stadtarchivs Heilbronn (erschienen 2021). Diese Veröffentlichung ist wesentliche Grundlage für den vorliegenden Blogbeitrag.

Eine tabellarische Übersicht über den Lebenslauf von Otto Rettenmaier gibt es unter: https://stadtarchiv.heilbronn.de/stadtgeschichte/geschichte-a-z/r/rettenmaier-otto.html

Aktualisierung dieses Beitrags

Dieser Artikel wurde am 3.8.2026 aktualisiert: Präzisiert wurden Angaben zu Wehrdienst/Kriegsgefangenschaft, zu Immobilienprojekten sowie zur heutigen Leitung der TII-Group. Ergänzt wurde der Hinweis auf die Förderung sozialer Projekte.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
miriameberlein (28. Juli 2026). Otto Rettenmaier – vom Holzmüller-Sohn zum Multiunternehmer und Mäzen. Heilbronn historisch. Abgerufen am 6. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16mms


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