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Wie die SPD ihre Hochburg schleifte

Dr. Karl Nägele war zwischen 1948 und 1976 Erster Bürgermeister in Heilbronn (Foto: Lore Hagner/Stadtarchiv Heilbronn)
Erster Bürgermeister Dr. Karl Nägele, 1971 (Foto: Lore Hagner/Stadtarchiv Heilbronn)

Das Ende der Stadt Heilbronn als sozialdemokratische Hochburg lässt sich exakt datieren. Am 18. Dezember 1975 erlitt die bei Wahlen auf kommunaler Ebene wie für den Landtag und für den Bundestag stets siegreiche SPD in Heilbronn eine von niemand vorhergesehene Niederlage. Dabei ging es bei der dritten Wahl im Jahre 1975 eigentlich nur um die Nachfolge von Karl Nägele als Erstem Bürgermeister, die in den Glanzzeiten der sozialliberalen Koalition in Bonn lediglich eine Formsache schien.

Zur Erinnerung: Die 1969 unter dem ersten sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt gestartete sozialliberale Koalition war 1972 eindrucksvoll bestätigt und auch durch den Rücktritt von Willy Brandt im Mai 1974 nicht gefährdet worden. Fast gleichzeitig wurde 1974 mit den Mehrheitsstimmen der SPD der Vizekanzler und Außenminister Walter Scheel (FDP) zum Bundespräsidenten gewählt. Nahtlos wurde zum neuen Erfolgs-Duo Brandt-Nachfolger Helmut Schmidt als Kanzler und Scheel-Nachfolger Hans-Dietrich Genscher als Außenminister.

Willy Brandt auf Wahlkampf in Heilbronn, 4. März 1972 (Foto: Stadtarchiv Heilbronn)
Willy Brandt auf Wahlkampf in Heilbronn, 4. März 1972 (Foto: Stadtarchiv Heilbronn)

Nach diesem sozialliberalen Muster im Bund hätte am 18. Dezember 1975 auch die eigentlich nur für das Prestige trächtige Stelle des Ersten Bürgermeisters in Heilbronn besetzt werden können. Ersten Zugriff hatte die SPD, die bei der ersten Wahl im Jahre 1975 – der Kommunalwahl am 20. April – erneut die Nase vorn hatte. Allerdings nur noch knapp.

Zur Erinnerung: Nach der Wahl 1968 hatte die SPD 17 Sitze, die FDP neun und die CDU acht. Nach der Wahl 1971 hatte die SPD 17 Sitze, die CDU zehn und die FDP sieben. Am 20. April 1975, als erstmals 40 Stadträte für eine Amtszeit von fünf Jahren gewählt wurden, errang die SPD 16 Sitze, die CDU 15, die FDP fünf und die FWV vier Sitze. Eine sozialliberale Koalition auf lokaler Ebene hatte daher mit 16 SPD-Stimmen und den fünf FDP-Stimmen die absolute Mehrheit im 40-köpfigen Gemeinderat von 21 Stimmen.

Abstimmungsberechtigt war zudem der SPD-Oberbürgermeister Dr. Hans Hoffmann, der bei der zweiten Wahl im Jahre 1975 – der OB-Wahl am 7. September – für weitere acht Jahre im Amt bestätigt worden war. Die SPD hatte für ihr Parteimitglied geworben, obwohl es schon länger in der Zusammenarbeit knirschte – bis in die Verwaltungsspitze hinein.

BM Erwin Fuchs (li.) und OB Dr. Hoffmann bei der Einweihung des Stadtgartens am 24. Juni 1972 (Foto: Ottmar Schäffler/Stadtarchiv Heilbronn)
BM Erwin Fuchs (li.) und OB Dr. Hoffmann bei der Einweihung des Stadtgartens am 24. Juni 1972 (Foto: Ottmar Schäffler)

Dass die SPD als größte Fraktion im Gemeinderat ihren seit über einem Jahrzehnt amtierenden Bürgermeister Erwin Fuchs als Kandidat für das Amt des Ersten Bürgermeisters vorschlagen würde, schien nach außen zunächst eine klare Sache. Unübersehbar aber war, dass der gerade im Amt bestätigte SPD-OB Hoffmann und der für Kultur und Soziales zuständige SPD-BM Fuchs einander in tiefster Abneigung verbunden waren. Hoffmann machte kein Hehl daraus, dass er sich nur den seit 1970 amtierenden FDP-Finanzbürgermeister Hermann Bosch als seinen Stellvertreter vorstellen konnte.

Der Konflikt schwelte weiter bis zum Wahltag am 18. Dezember 1975. „Nur wenige Minuten vor Beginn der öffentlichen Sitzung“, schilderte der Stimme-Lokalchef Werner Thunert die dramatische Situation, „erklärte schließlich Bürgermeister Fuchs seinen Verzicht und akzeptierte die Stellungnahme, die später von dem Fraktionsvorsitzenden Albert Großhans vor dem verwirrten Publikum verlesen wurde. Allerdings sollen sich dafür nur elf der anwesenden 16 Fraktionsmitglieder ausgesprochen haben sowie Oberbürgermeister Dr. Hans Hoffmann.“

Mit dem Fuchs-Verzicht schien der Weg frei für Finanzbürgermeister Hermann Bosch von der FDP. Wie bei der Wahl eines FDP-Mitglieds zum Bundespräsidenten auf höchster Ebene sollte die sozialliberale Koalition auf der unteren kommunalen Ebene funktionieren, wovon auch die CDU ausging. Dem Chronisten Thunert „lag bereits ein sorgfältig ausgearbeitetes Manuskript einer Erklärung vor, in der das Scheitern Dr. Weinmanns bedauert wurde.“

Erwartungsgemäß hatte Bosch bei der Wahl mit 18:17 Stimmen die Nase vorn, allerdings die absolute Mehrheit verfehlt, sodass ein zweiter Wahlgang notwendig wurde, bei dem die einfache Mehrheit ausreichte. Wieder erreichte Bosch 18 Stimmen. Sensationell aber erhielt der CDU-Kandidat Dr. Manfred Weinmann 19 Stimmen. Zwei aus dem Lager der Enthaltungen hatten die Wahl für Weinmann entschieden. Mutmaßlich aus dem Lager der SPD mit der Befürchtung, dass ein Erster Bürgermeister Hermann Bosch bei Oberbürgermeisterwahlen in fünf Jahren gefährlicher sei als der Christdemokrat Dr. Weinmann.

Hermann Bosch (re.) bei der Einweihung der Kreissparkasse im Juni 1978 (Foto: Ottmar Schäffler/Stadtarchiv Heilbronn)
Hermann Bosch (re.) bei der Einweihung der Kreissparkasse im Juni 1978 (Foto: Ottmar Schäffler)

Das damals scharfsinnige Kommentare auslösende Rätsel ist gelöst. Die damals 27-jährige Gabi Erlewein-Hügel, die seit 1971 dem Gemeinderat angehörte, erklärte offen, dass sie und ihr SPD-Fraktionskollege Rudi Fritz dem Finanzbürgermeister Hermann Bosch zunächst ihre Stimmen verweigerten. Dass sie im zweiten Wahlgang für Weinmann stimmten, sei mitnichten gegen Bosch gerichtet gewesen. Ausschlaggebend sei vielmehr gewesen, „dass man in der SPD Erwin Fuchs wie eine heiße Kartoffel fallen ließ“. SPD-OB Hoffmann habe mit allen Mitteln versucht, den für Kultur und Soziales zuständigen SPD-Bürgermeisterkollegen Fuchs zu verhindern. Zwischen Hoffmann und dem Fraktions-Vorsitzenden Albert Großhans sei die Verhinderungstaktik „ausgekungelt“ worden. Dass der kulturell interessierte Rudi Fritz kein Freund von Albert Großhans und erst recht nicht von OB Hoffmann war, mit dem er sich erbittert wegen des Theater-Neubaus stritt, war noch nie ein Geheimnis. Finanzbürgermeister Bosch, der starke Mann in der Verwaltungsspitze, zog nach der überraschend verlorenen Wahl für seine Person die Konsequenz und wechselte 1977 auf den Chefposten bei der Kreissparkasse.

Gastbeitrag von Gerd Kempf

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gastautoroderautorin
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gastautoroderautorin (7. Juli 2021). Wie die SPD ihre Hochburg schleifte. Heilbronn historisch. Abgerufen am 6. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/popa


4 Gedanken zu „Wie die SPD ihre Hochburg schleifte“

  1. Richtigstellung
    Mein Beitrag “Wie die SPD ihre Hochburg schleifte” bedarf einer Richtigstellung. Bei der Wahl des Ersten Bürgermeisters am 18. Dezember 1975 hatten von der SPD-Gemeinderatsfraktion Gabriele Erlewein-Hügel, Rudi Fritz und ein drittes Mitglied im ersten Wahlgang Finanzbürgermeister Hermann Bosch ihre Stimme nicht gegeben, der dennoch mit 18:17 Stimmen die Nase vorn, aber die absolute Mehrheit verfehlt hatte. Deshalb wurde ein zweiter Wahlgang notwendig, bei dem die einfache Mehrheit ausreichte. Dass Bosch nun überraschend von Dr. Manfred Weinmann mit 18:19 Stimmen überholt wurde, hatte der CDU-Kandidat dem SPD-Stadtrat Rudi Fritz und einem weiteren SPD-Stadtrat zu verdanken. Nicht aber Gabriele Erlewein-Hügel, die sich in beiden Wahlgängen der Stimme enthalten hatte. Sie wisse, von wem die zweite Stimme stamme, könne den Namen aber nicht preisgeben, weil die Abstimmung geheim war. Die Ursache dafür, dass die SPD ihre Hochburg schleifte, war das heillos zerstrittene Verhältnis von Partei und dem selbstherrlich regierenden SPD-Oberbürgermeister Dr. Hans Hoffmann.
    Gerd Kempf

    1. Die hier erst in jüngster Zeit angefügte Korrektur zu dem Beitrag “Wie die SPD ihre Hochburg schleifte” (7. Juli 2021) ist notwendig. Bis es dazu kam, nachdem sich Herr Kempf dazu quasi gezwungen sah, geschah nicht aus eigener Einsicht. Es vergingen, wie man sieht, mehr als zwei Jahre. Doch auch diese “Korrektur'” ist unvollständig, weil nur selektiv den Fakten entsprechend. Um dies zu verstehen und nachvollziehen zu können, muss man die s”Entstehungsgeschichte” des Beitrages kennen. Er war ursprünglich Teil des Textes von Herrn Kempf über SPD-MdL Günter Erlewein, erschienen in der Reihe “Heilbronner Köpfe” des Stadtarchivs. Dafür recherchierte er u.a. auch bei dessen Schwiegertochter, der früheren SPD-Stadträtin, Gabi Erlewein-Hügel, verschwieg ihr allerdings, dass er auch darüber schreiben werde, was er jetzt als “Wie die SPD ihre Hochburg schleifte” an die Öffetnlchkeit brachte. Die damals für die “Köpfe” zuständige Archivmitarbeiterin Annette Geisler hatte dazu Bedenken und verweigerte den Abdruck dieser Passage.

      2021 griff Herr Kempf die zurückgewiesene Darstellung für den Blog des Stadtarchivs “Heilbronn historisch” wieder auf. Dafür, die Vorgänge um die Wahl von Manfred Weinmann zum Ersten Bürgermeister in dieser Form und vor allem mit dem wertenden Rückschluss in der Überschrift wieder aufzunehmen, gab es keinen aktuellen oder sonst notwendigen Anlass. Die darin genannten und beschuldigten Personen wurden auch nicht kontaktiert, wie es der menschliche Anstand und ebensolcher Journalismus vorgibt. Ich/wir habe(n) den Text einige Zeit später und nur durch Zufall entdeckt, die von mir informierte Gabi Erlewein-Hügel war vollkommen ahnunglos, auch darüber, dass ihre damalige Befragung zur Weinmann-Wahl so genutzt wurde. So viel zum Hintergrund und zur Möglichkeit, sich über das Vorgehen, die Absicht und die “historische Verantwortung” des Schreibers Kempf sein eigenes Urteil zu bilden. Auf eine frühe Kontaktaufnahme von mir gab es keine Antwort.

      Wie schon in meinen ersten Kommentar ausgeführt, entspricht seine Schilderung nicht den Tatsachen, vor allem aber beruht sie allein auf die von Eigeninteressen und ebensolchen Verbindungen zwischen dem damaligen Chefredakteur der Heilbronner Stimme Werner Thunert und OB Dr. Hans Hoffmann gelenkten Veröffentlichungen. Zu diesem Kapitel und seine verheerenden Auswirkungen auf die Heilbronner Lokalpolitik lasse ich mich hier nicht weiter aus, weise aber darauf hin, dass die damalige Gefolgschaft von Herrn Kempf zu seinem Vorgesetzten offenbar bis ins Jahr 2021 reicht, wenn er ihn in seinem Blog.Beitrag als “einzige Quelle” zitiert, so als sei diese auch “authentisch”. Was hinzukommt: Zwei der drei von ihm “Angeschwärzten” sind tot, können nicht widersprechen, sich gegen eine Darstellung wehren, die man “Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener” nennt – übrigens ein Straftatbestand.

      Was Herr Kempf darin völlig außer acht lässt, aus heutiger Sicht das eigentlich Bemerkenswerte an der damaligen Bürgermeisterwahl war, ist dies: Die drei Mitglieder des SPD-Fraktion, der sie ihr Abstimmungsverhalten zuvor erklärten, verhielten sich so, wie man es von einem Stadtrat verlangt: wenn er sich nach seinem Wissen und Gewissen nicht dem Fraktionszwang beugen kannt, zu seiner Entscheidung steht, deren Konsequenzen trägt und erträgt. OB Hoffmann, trotz dessen massiven Druck, hier die Gefolgschaft zu verweigern, war auch ein Akt der Solidarität gegenüber Erwin Fuchs. dem von ihm so menschlich schäbig behandelten Kulturbürgermeister. Nachträglich rechtfertigt dies ja auch die Aufdeckung von Hoffmanns Nazi-Vergangenheit, über die er die SPD und die Bürger Heilbronns so skrupellos täuschte. Wenn man schon die Formulierung “Hochburg schleifte” verwendet, dann an den anderen Stellen, die dem Gedächtnis der Stadt auch nicht verloren gehen sollten.

      21. Mai 2024
      Brigitte Fritz-Kador und RA Daniel F. Fritz (Frankfurt/M)

      1. Auf die böswilligen Gefolgschafts-Phantasien der Frau Fritz-Kador muss ich nicht eingehen, weil sie allzu simpel durchschaubar sind. Nur kurz zu den Fakten. Ich habe nie über Günter Erlewein recherchiert. Mit Gabriele Erlewein-Hügel habe ich nicht aus Langeweile telefoniert, sondern ihr klar gesagt, dass ich über Friedrich Niethammer schreibe und in diesem Zusammenhang auch auf die sensationelle Wahl von Manfred Weinmann zum Ersten Bürgermeister eingehen werde. Ich ging damals davon aus, dass die beiden SPD-Stimmen, die zur Wahl von Weinmann führten, von Rudi Fritz und Gabriele Erlewein-Hügel stammten. Erst nach der Veröffentlichung im Blog wurde dies von Gabriele Erlewein-Hügel korrigiert, worauf ich es richtig stellte.

        Gerd Kempf

  2. Was Gerd Kempf schreibt, trifft zu, ist aber nicht ganz vollständig. Manfred Weinmann erhielt die Stimme von Gabi Erlewein-Hügel und von meinem Mann, Rudi Fritz, nicht nur, weil man den Umgang mit Erwin Fuchs so nicht hinnehmen wollte, sondern auch deshalb, weil eine Wahl von Hermann Bosch nicht den Mehrheitsverhältnissen im Gemeinderat und damit dem Wählerwillen entsprochen hätte. Es gab ein Versprechen dazu, dieses zu respektieren. Was die beiden Genannten daraufhin an Verbal-Attacken und Gehässigkeiten, parteiinternen wie auch medialen, erfuhren, ist ein anderes Kapitel. Die entscheidende Folge aber war, dass danach, wie es mein Mann beschrieb, “die Heilbronner Kommunalpolitik nicht mehr in der Hinterstube eines Schuhgeschäftes (Großhans) am Hafenmarkt und an der Allee, sondern auch wieder im Rathaus” stattfand. Dass die Ära der SPD-Mehrheit zu Ende ging, lag jedoch vor allem daran, dass der medial gehätschelte Hans Hoffmann als “SPD”-OB fehlbesetzt war. Mehr als deutlich wurde das u.a.in den vielen späteren Auseinandersetzungen, vor allem zwischen Frieder Niethammer und ihm und wie diese dann publiziert und dargestellt wurden. So viel zur “Schuldfrage”! .
    Brigitte Fritz-Kador

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